Hybridunterricht – Wieso eigentlich?

Die Corona-Pandemie hat die Bildungslandschaft ganz schön auf den Kopf gestellt. Viele Bildungseinrichtungen überdenken bisherige Lernformen und stellen sich die Frage, wie auch ein Unterricht auf Distanz gelingen kann. Dabei spielen analoge und digitale Lernformen sowohl im Fernunterricht als auch in Präsenz eine große Rolle.

Digital oder analog, analog oder digital?

Die Mischung machts! Beides ist in unserem Alltag und unserem Lernen viel zu sehr miteinander verwoben, als dass eine Unterscheidung überhaupt noch möglich wäre. An analogen und digitalen Unterrichtsformen kommt deshalb niemand mehr vorbei.

Diese Aussage ist ganz einfach zu erklären. Stellen wir uns einmal einen ganz normalen Tag in unserem Alltag vor. Der Wecker klingelt – bei einigen ist es ein klassischer Wecker – analog, bei anderen der Wecker im Smartphone – digital. Man steht auf, geht ins Bad – alles analog. Im Anschluss geht es in die Küche. Das Radio wird eingeschaltet. Vielleicht ist es ein ganz einfaches UKW-Radio, vielleicht ist es ein Internetradio oder ein Smartphone, verbunden mit einem Bluetooth-Lautsprecher. Auch der Sprachassistent könnte zum Einsatz kommen. Vieles ist möglich – analog und digital, je nach Geschmack oder Gewohnheit. Das Frühstück wird zubereitet. Der erste Kaffee wird getrunken – analog natürlich. Manchmal kann auch die Kaffeemaschine schon im Sinne eines SmartHomes per App gesteuert werden… Die Tageszeitung wird gelesen – auf dem Tablet oder in Papierform, Nachrichten von Freunden und Verwandten werden durchgeschaut- digital auf dem Smartphone.

Dann geht es zur Arbeit oder ins HomeOffice. Gehen wir einmal davon aus, es handelt sich um einen Büroarbeitsplatz: Dort wird der Rechner eingeschaltet – digital. Es wird ein wenig Post durchgeschaut – analog. Im Büro: Ein Kollege schaut vorbei und man unterhält sich – analog. Die ersten E-Mails gehen ein – digital. STOP!

Ich glaube, hier brauche ich nicht weiter zu schreiben. Wir sind mitten drin – in unseren beiden Welten – der analogen und der digitalen Welt.

Sehr schön ist das auch erklärt in der Pinguin-Medienmetapher von Jöran Muuß-Merholz (Bitte beachten: Link führt weiter zu YouTube), die ich gern in eigenen Coachings zu hybriden Lernangeboten aufgreife.

Was heißt das für Bildungsangebote?

Das sollte über den vorhergehenden Abschnitt ganz einfach erklärt sein: Wenn es in unserem Alltag keine klaren Grenzen von analog und digital gibt, wieso sollten wir sie dann im Bildungskontext ziehen? Und wenn wir beide Möglichkeiten haben, ermöglicht uns das ein bequemes Lernen und Arbeiten in Präsenz aber auch losgelöst von Raum und /oder Zeit.

Selbstverständlich nutzen wir Bücher, selbstverständlich recherchieren wir im Internet. Für die eine Aufgabe eignet sich ein analoges, für eine andere eben ein digitales Medium. Einige Notizen werden am Bildschirm angefertigt und später geteilt. Einige Schüler*innen können sich handgschriebenes besser merken, anderen fällt das leichter, wenn sie es in einem maschinellen Schriftbild sehen. So gibt es einige Menschen, die nach wie vor lieber ein gedrucktes Buch in den Händen halten, andere jedoch lesen lieber auf einem E-Book-Reader.

Oder noch ein anderer Gedanke dazu: Arbeitsblätter im Distanzunterricht – diese müssen nicht zwingend ausgedruckt werden, sondern können auch handschriftlich auf einem Tablet ausgefüllt und dann direkt gespeichert und an Lehrer*innen übermittelt werden. In diesem Beispiel ist analog und digital sogar miteinander verwoben. Je nach Sinn und auch je nach Individuum (jedes hat andere Vorlieben – das darf hier nicht übersehen werden!) darf es auch im Bildungsbereich sowohl analog als auch digital einhergehen.

Das ist der Grundgedanke des Hybridunterricht. Je nachdem, was sich anbietet, switchen wir auf Präsenz oder online um, muss auf analog oder digital umgeschaltet werden können.

Analog und digital als gleichwertig betrachten

Als störend empfinde ich diese klare Grenze, die immer wieder gezogen wird. Wieso ist analog schlechter als digital oder wieso ist digital schlechter als analog? So leben und arbeiten wir seit spätestens Anfang 2000 nicht mehr! Wieso sollen die Kinder, die die Zeit davor nichtmals kennengelernt haben, jedoch so lernen?

Reizüberflutung – muss nicht sein!

Aus mediendidaktischer Sicht geht es nicht darum, alles an Medienvielfalt in den Raum zu werfen, was irgendwie machbar ist. Ein paar wenige Optionen reichen bereits aus, um analog und digital zu verbinden und so den Lernenden die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen mit beiden Medien in hybriden Unterrichtssettings zu machen.

Selbstlernen fördern durch Verbindung von analogen, digitalen Lernmedien in synchronen und asynchronen Lernsettings – Online und in Präsenz

Auch das sehe ich als klaren Vorteil von Hybridunterricht: Im Distanzunterricht war immer wieder zu erkennen, wie wichtig die Fähigkeit zum selbständige Lernen für Lernende ist. Die Verbindung von analogen und digitalen Lernmedien ermöglicht es noch einmal besser, sowohl selbständig, als auch mit anderen zu lernen – das wiederum führt, richtig eingefädelt, zu einer höheren Motivation („Man traut mir zu, dass ich das auch allein kann“) und kann das selbstregulierende Lernen fördern.

Ausrede „Technik“

Es benötigt nicht unbedingt die umfassendste Technik. Natürlich ist eine gute technische Ausstattung immer von Vorteil. Aber nahezu jede*r Schüler*in an einer weiterführenden Schule und auch an anderen Bildungseinrichtungen ist zumindest im Besitz eines Smartphones. Statt den Weg zu gehen, den einige Bildungseinrichtungen in der Vergangenheit gegangen sind und diese zu verbieten, sollten sie bewusst im Unterricht eingesetzt werden. Das schult auch die Medienkompetenz. Es muss nicht zwingend jede*r Schüler*in mit einem eigenen Tablet oder Notebook ausgestattet sein – es sollten aber einige Geräte in den Klassen vorhanden sein, und auch ein Kontingent an Leihgeräten sollte für das Lernen zu Hause zur Verfügung stehen.

Schulungen für alle an den Bildungsangeboten Beteiligten!

Lehrer*innen müssen wissen, wie sie verschiedene Medien miteinander verbinden und so optimal in ein Lernszenario einbinden können.

Um das erst einmal zu verstehen, hilft z. B. der Didaktische Schieberegler von Axel Krommer, Hier stellt er auch die sechs Hinweise zum Distanzlernen vor, die er zusammen mit Wanda Klee und Philippe Wampfler im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes NRW verfasst hat.

Was bedeutet das für die Unterrichtsvorbereitung?

„Jetzt weiß ich wieder nicht, ob Montag nun in Präsenz oder aus der Ferne unterrichtet werden soll – wie soll ich da Unterricht vorbereiten?“ Ein Satz, den ich in den letzten Monaten sehr häufig gehört habe. Und auch hier setzt der Gedanke des Hybridunterrichts an: Gut organisiert, ist ein und derselbe Unterrichtsinhalt sowohl in Präsenz als auch auf Distanz durchführbar. Das erfordert selbstverständlich ein Umdenken – ist aber machbar. Und nein, das soll nicht heißen, dass Arbeitsblätter, die sonst in Papierform ausgeteilt würden, jetzt einfach auf einer Plattform zum Herunterladen bereitgestellt werden. Ein wenig Kreativität ist hier schon gefragt ;-).

Fazit

In einer Welt, in der analog und digital derart verwoben sind, müssen Bildungsangebote ebenfalls so aufgebaut sein, dass analog und digital kein Gegensatz sind. Meiner Meinung nach ist das, selbst wenn man es denn aus voller Überzeugung versuchen würde, auch gar nicht mehr möglich! Zeitgemäße Bildung bedeutet, sich auch auf Neues einzulassen – womit ich nicht sagen möchte, dass Digitale Bildung Neuland ist – aber für einige Bildungseinrichtungen ist sie es. Auch wenn es schwerfällt, Bewährtes immer wieder neu zu denken, das sollte im Sinne des lebenslangen Lernens selbstverständlich sein. Lebenslanges Lernen ist schließlich ein Prozess!

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